
Turnen hat in Deutschland, dass als Mutterland dieser Sportart gilt, eine lange Tradition. Der im Jahre 1811 von 'Turnvater' Friedrich Ludwig Jahn (1778 - 1852) zusammen mit Friedrich Friesen und anderen Turnern errichtete erste öffentliche Turnplatz in der Berliner Hasenheide wird dabei häufig als Ursprung der Turnbewegung angesehen. Aber auch in anderen Ländern und früheren Zeitepochen entstanden neben den ursprünglichen Bewegungsformen (Laufen, Springen, Werfen, Ringen, Schwimmen, Reiten u.a.) Balancier-, Kletter-, und Turnübungen am Pferd, die in erster Linie zur Körper- und Wehrertüchtigung der Männer dienten. In Deutschland entwickelten die Philantropen Basedow (1774) und Guts Muths (1784) bereits obligatorische Leibesübungen für Kinder und Jugendliche mit ähnlichen Inhalten an den Ende des 18. Jahrhunderts entstehenden neuen Schulen des politisch erwachenden Bürgertums.
Jahns Idee und Umsetzung des öffentlichen Turnens hatte politische Hintergründe. Er forderte die Einheit und Freiheit in einer konstitutionellen Monarchie unter Führung Preußens. "Frisch, fromm, fröhlich, frei" hieß die Losung, unter der er die körperlichen Stärkung möglichst breiter Bevölkerungsschichten anstrebte, um dadurch die Grundlage für die Befreiung des Vaterlandes von Napoleons Herrschaft zu schaffen und gleichzeitig die Einheit Deutschlands voran zu treiben. Nach dem Sieg über Napoleon (1813) scheiterte nach dem Wiener Kongress 1814/15 der Versuch der Einheit Deutschlands. Dem herrschenden feudalen Adel waren die frei von Standesunterschieden und nationalerzieherisch tätigen Turngemeinschaften zu revolutionär, so dass nach der Ermordung des Dichters Kotzebue durch einen Burschenturner eine "Turnsperre" verhängt und Jahn verhaftet wurde. Das Turnverbot wurde erst 1842 vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. wieder aufgehoben. In der Folgezeit breitete sich das Turnen sehr schnell in Deutschland aus. Die Gründung des „Deutschen Turnerbundes“ (DTB) erfolgte im Revolutionsjahr 1848, in dem viele Turner aktiv für die bürgerlich-demokratischen Ziele der Revolution kämpften. Aber bereits im gleichen Jahr wurde der „Demokratische Turnerbund“ gegründet, der eine demokratische Republik anstrebte, während der DTB der Monarchie nahe stand. Nach dem Scheitern der Revolution löste sich der „demokratische Turnerbund“ auf. Strenge Vereinsgesetze sorgten ab 1850 für den Niedergang der demokratischen Turnbewegung. Nur die überwiegend im DTB organisierten, gesellschaftlich „angepassten“ Vereine durften weiter turnen. Das von Adolf Spiess eingeführte Schulturnen, in dem die Jugendlichen zu Disziplin und Gehorsam erzogen wurden, wurde gefördert. Ab 1860 erlebte die Turnbewegung durch die ersten nationalen Turnfeste (1860 Coburg, 1861 Berlin, 1863 Leipzig) eine Renaissance. Nach der Reichsgründung 1871 setzten sich immer mehr die nationalistisch gesinnten, obrigkeitshörigen und konservativen Kräfte innerhalb der Turnerschaft durch. Der mit der Industrialisierung einhergehende gesellschaftliche Wandel führte mit dem Erstarken der Arbeiterschaft zur erneuten Spaltung der Turnbewegung. Nach Einführung der Sozialistengesetze wurden viele Turner, die Mitglied der SPD oder KPD waren, aus ihrem Verein ausgeschlossen. 1893 wurde daraufhin in Gera der „Arbeiterturnerbund“ (ATB) gegründet, der sich durch die aus England verstärkt eindringenden neuen Sportarten ab 1919 „Arbeiterturn- und Sportbund“ (ATSB) nannte. Zum Ende des 19. Jahrhunderts drängten immer mehr Frauen in die Turnvereine.
Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden die linksorientierten Turnverbände verboten und die bürgerlichen Verbände mit der Gründung der „Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen“ (DRL), ab 1938 „Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen“ (NSRL) gleichgeschaltet. Nach Beendigung des zweiten Weltkrieges wurden in der Bundesrepublik 1950 in Tübingen der „Deutsche Turnerbund“ (DTB), in der DDR 1957 der „Deutsche Turnverband (DTV) gegründet. Nach der Wiedervereinigung schlossen sich die in den neuen Bundesländern gebildeten fünf Landesverbände 1990 auf dem Deutschen Turntag in Hannover dem DTB an.
Der DTB versteht sich heute als Verband für Leistungs-, Freizeit- und Gesundheitssport mit ca. 4,8 Millionen Mitgliedern in rund 20.000 Sportvereinen.
Geräteturnen ist bereits 1896 in Athen im olympischen Programm. Die Frauen sind erstmals 1928 bei den Spielen in Amsterdam dabei.
Olympische Disziplinen
- Gerätturnen/Kunstturnen Männer und Frauen
- Gymnastik/ Rhythmische Sportgymnastik Frauen
- Trampolinturnen Männer und Frauen
Kunstturnen Männer:
- Mehrkampf, Einzelwertung
- Mehrkampf, Mannschaftswertung
- Pferdsprung, Boden, Barren, Reck, Ringe, Seitpferd
Kunstturnen Frauen:
- Mehrkampf, Einzelwertung
- Mehrkampf, Mannschaftswertung
- Boden, Pferdsprung, Schwebebalken, Stufenbarren
Regeln
Seit 1996 sind die Turner von der Pflicht befreit. In Sydney wird der Hauptwettkampf nach neuen Strukturen ohne Pflichtübung ausgetragen. Zunächst müssen die Athleten Qualifikationswettkämpfe für den Mannschafts- und die Einzelwettkämpfe durchführen. An die Qualifikation schließen sich Mehrkampffinale, Gerätefinale und Mannschaftsfinale an. Beim Mannschaftsmehrkampf bilden jeweils sechs Turner ein Team, die besten fünf kommen in die Wertung.
Aerobic, Sportakrobatik, Gymnastik/Tanz, Rhönradturnen, Orientierungslauf, Rope Skipping, Faustball, Prellball, Korbball, Korfball, Ringtennis, Indiaca, Schleuderball, Volleyball, Wandern, Skilauf, Mehrkämpfe, Gruppen- und Mannschaftswettbewerbe, Musik- und Spielmannswesen
Kraft, Kraftausdauer, Sprungkraft, Schnelligkeit, Schnelligkeitsausdauer, Schnellkraft, Reaktionsvermögen, Gewandtheit, körperliche und geistige Beweglichkeit, Koordination, Konzentration, Emotionen (Freude bei Erfolgen, Enttäuschung nach Misserfolgen), soziales Verhalten (Kommunikation, Kooperation, Rücksichtnahme, Fairness)
Sprunggelenke, Knie, Arme, Schultern, Rücken
Rad fahren, Schwimmen und Jogging zur Förderung der Kondition, Gymnastik zur Kräftigung/Stabilisierung/Mobilisation
ab ca. 8 Jahre